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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung
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  1. Gegenstand und Ziel des Wörterbuches

  2. Die erste Ausgabe des Deutschen Wörterbuches

  3. Die Neubearbeitung

  4. Modernisierung und Aktualisierung



Gegenstand und Ziel des Wörterbuches

Das Deutsche Wörterbuch enthält in alphabetischer Ordnung den in der neuhochdeutschen Schriftsprache von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Gegenwart gebräuchlichen Wortschatz einschließlich der aus anderen Sprachen in das Deutsche entlehnten Wörter. Das Wörterbuch gibt die Etymologie sowie die Formen der Wörter an und beschreibt die landschaftliche Verbreitung innerhalb des deutschen Sprachgebietes. Soweit die jeweilige Wortgeschichte sie überliefert, werden auch die vorneuhochdeutschen Verwendungsweisen der Wörter, d. h. des mittelhochdeutschen und des althochdeutschen Zeitraums, bis zu den frühesten Bezeugungen in die Darstellung einbezogen.

In erster Linie ist das Deutsche Wörterbuch ein historisches Bedeutungswörterbuch. Sein Hauptziel besteht in der Analyse und Beschreibung der Bedeutungen und verschiedenen Gebrauchsweisen der Wörter, wie sie in historischen Quellentexten überliefert sind. Herausbildung, Veränderung und Nuancierung der Wortbedeutungen vom ersten Auftreten an bis zur jüngsten Bezeugung werden in chronologisch-systematischer Ordnung dokumentiert, interpretierend erläutert und anhand von ausgewählten Zitaten aus den Quellen anschaulich gemacht und verdeutlicht. Für viele Wörter ergibt sich dabei eine lückenlose Belegreihe vom 8. Jahrhundert bis zum jeweiligen Zeitpunkt der Bearbeitung.

Aufgrund seiner bedeutungsgeschichtlichen Konzeption und seiner im Prinzip unbeschränkten Berücksichtigung aller deutschsprachigen Texte richtet sich das Wörterbuch über die Sprachwissenschaft hinaus an einen weiten Kreis von möglichen Benutzern: Die Angaben sollen auch Literaturwissenschaftlern, Vertretern historischer Disziplinen und interessierten Laien helfen, Fragen nach Herkunft, Form, Bedeutung und Gebrauch von Wörtern zu beantworten, wie sie entstehen können bei Lektüre, Interpretation und Edition von (historischen) Texten, bei der Behandlung kultur- und sozialgeschichtlicher Themen, bei journalistischer Recherche zu aktuellen (politischen) Schlagworten, letztlich auch bei der Erarbeitung anderer Wörterbücher.

Die erste Ausgabe des Deutschen Wörterbuches

Geplant und begonnen wurde das Deutsche Wörterbuch in den späten 30er Jahren des 19. Jahrhunderts von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, die zu den Begründern der Germanistik als wissenschaftlicher Disziplin gehören. Der erste Band war 1854 abgeschlossen. Nach ihren Vorstellungen sollte das Wörterbuch nicht nur der wissenschaftlichen Sprachforschung nützen, sondern, da die Sprache jeden angeht, auch dem "Hausbedarf" (Bd. 1, Vorrede S. XIII).

Die Brüder bearbeiteten das Wörterbuch bis zum Artikel Frucht. Nach dem Tod Wilhelm Grimms (1859) und Jacob Grimms (1863) setzten namhafte Germanisten wie Rudolf Hildebrand, Moriz Heyne und Matthias von Lexer die Arbeit fort. 1908 übernahm die Deutsche Kommission an der Preußischen Akademie der Wissenschaften die wissenschaftliche Leitung des Deutschen Wörterbuches. Zur Förderung der Bearbeitung richtete die Akademie 1930 in Berlin eine Arbeitsstelle mit festangestellten Mitarbeitern ein. Vollständig von A - Z lag das 32-bändige Werk mit ungefähr 350.000 Stichwörtern auf mehr als 67.000 Druckspalten - verzögert durch Krieg und Kriegsfolgen - 1960 vor, 1971 ergänzt durch das Quellenverzeichnis mit über 25.000 Titeln und Verweisen. Neben der bei S. Hirzel verlegten gebundenen Ausgabe des Wörterbuches gibt es seit 1984 auch eine Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlages. Eine Online-Version für das Internet wird von einem Projekt an der Universität Trier bereitgestellt. Die CD-ROM-Version ist im Juli 2004 erschienen; sie kann hier bestellt werden.

Die den Brüdern Grimm nachfolgenden Bearbeiter lösten sich von deren ursprünglicher Vorstellung eines auch als Hausbuch zu lesenden Deutschen Wörterbuches. Durch die umfassende Wortschatzsammlung und die bedeutungsgeschichtliche Aufbereitung der Belege schufen sie das Grundlagenwerk der deutschen Wortforschung schlechthin.

Mit seiner Konzeption eines beleggestützten, historischen Bedeutungswörterbuches hatte das Deutsche Wörterbuch Vorbildwirkung für lexikographische Unternehmungen in anderen Sprachen. Ähnliche umfangreiche Standardwerke wurden u. a. für das Niederländische (Woordenboek Der Nederlandsche Taal, 1882 ff.), das Englische (New English Dictionary / Oxford English Dictionary 1888 ff.), das Schwedische (Ordbok öfver svenska språket 1898 ff.) und das Dänische (Ordbog over det danske sprog 1919 ff.) begonnen, und zum Teil werden diese Wörterbücher in Weiter- oder Neubearbeitungen noch bis in die Gegenwart fortgeschrieben.

Die Neubearbeitung

Schon vor Abschluß der ersten Ausgabe waren die von den Brüdern Grimm selbst erarbeiteten Bände des Deutschen Wörterbuches mehr als hundert Jahre alt und konnten inhaltlichen und formalen Ansprüchen an ein Wörterbuch und gewandelten Benutzungsbedürfnissen nicht mehr genügen. Infolge einer schmalen Material- und Quellenbasis enthalten die Artikel oft wenige, z. T. auch gar keine Belege oder nur aus dem Sprachgefühl der Bearbeiter gebildete Beispiele. Fehlende Artikelgliederungen und Uneinheitlichkeit im Artikelaufbau, bisweilen verbunden mit einem sehr persönlichen Erzählstil, erschweren häufig das schnelle Auffinden von Informationen. Hinzu kommen durch den damaligen Wissensstand bedingte sachliche Irrtümer oder auf unzureichende wissenschaftliche Hilfsmittel zurückzuführende Unrichtigkeiten. Darüber hinaus waren die Brüder Grimm sehr zurückhaltend bei der Aufnahme von Fremdwörtern und verfolgten eine (nationalkultur)politisch motivierte präskriptive Praxis. Schließlich sind aufgrund des zunehmenden zeitlichen Abstandes der Bearbeitung zur Gegenwart der Benutzer gewisse Lücken im dargestellten Wortschatz oder bei den ermittelten Gebrauchsmöglichkeiten der Wörter zu verzeichnen. Die genannten Aspekte machen die Erstausgabe des Deutschen Wörterbuches ungeachtet seiner Qualität inzwischen auch zu einem Gegenstand der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte.

Um das Wörterbuch weiterhin als nutzbares Instrument zu erhalten, wurde 1957 eine Neubearbeitung zunächst für die am stärksten veralteten Teile der Wörter mit den Anfangsbuchstaben von A bis F beschlossen. Die Stichwortstrecke von A bis C (in 5 Bänden) wurde der Arbeitsstelle an der Berliner Akademie übertragen, diejenige von D bis F (ursprünglich ebenfalls in 5, heute in 4 Bänden) der nach 1945 eingerichteten Arbeitsstelle Deutsches Wörterbuch an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Die Neubearbeitung sollte in Konzeption und Darstellungsweise an die letzten Bände der Erstausgabe anknüpfen. Die erste Lieferung A - Abenteuer erschien 1965. Inzwischen liegt mehr als die Hälfte des neuen Werkes vor, das weder Supplement noch Ergänzung des alten "Grimm" ist, sondern ein völlig neues Wörterbuch darstellt (siehe Publikationen).

Die Zusammenarbeit der beiden Arbeitsstellen gestaltete sich in den Jahren der deutschen Teilung zunehmend schwierig, insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer und der damit verbundenen Einschränkung bzw. Aufhebung der Reisemöglichkeiten. Der DDR-Führung war die deutsch-deutsche Zusammenarbeit am DWB ein Dorn im Auge. Darüber hinaus wurde die Arbeit der Berliner Arbeitsstelle in vielfacher Weise behindert, weil das DWB als Projekt einer "bürgerlichen" Lexikographie angesehen wurde; so wurden im Laufe der sechziger Jahre die meisten Mitarbeiter ab- und für andere Aufgaben herangezogen, etwa für die Mitarbeit am Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache oder an Studien zur Herausbildung der Norm der deutschen Literatursprache. Diese massive Behinderung hat entsprechend unterschiedliche Publikationszyklen zur Folge gehabt: Während in Göttingen die Arbeiten an der Strecke D - F im Jahr 2006 abgeschlossen worden sind, ist die Vollendung des Abschnitts A - C für das Jahr 2012 zu erwarten.

Modernisierung und Aktualisierung

Die Bedingungen und Möglichkeiten lexikographischer Arbeit haben sich seit dem Beginn der Neubearbeitung in mehrfacher Hinsicht verändert; diese Veränderungen haben sich auch auf die Arbeit am Deutschen Wörterbuch ausgewirkt. Sie betreffen Aspekte der Datenerhebung, der Datenaufbereitung und der Publikation, und sie sind in erster Linie mit dem Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung verbunden.

Bei der Artikelerstellung werden neben dem Zettelarchiv seit jüngerer Zeit auch Textcorpora auf CD-ROM sowie Datenbanken im Internet für Recherchen ergänzend genutzt. Daneben wird das DWB-Archiv in Berlin aber weiterhin in kleinerem Umfang durch manuelle Exzerption für die Gegenwartsliteratur erweitert, weil sich bei Vergleichen gezeigt hat, daß eine ‘intelligente Exzerption’ für diesen Zweck effektiver sein kann als eine computergesteuerte. Die corpusgestützte Archivergänzung findet im übrigen in erster Linie für das 20. Jahrhundert Anwendung; für die älteren Sprachstufen bietet das DWB-Archiv noch immer die ergiebigste Grundlage.

Auch bei der Aufbereitung der Wörterbuchartikel für die Publikation werden heute die Möglichkeiten der EDV genutzt. Seit 1993 werden die Lieferungen in Berlin mit dem Datenverarbeitungssystem TUSTEP erstellt, in Göttingen mit marktüblichen Textverarbeitungsprogrammen; seit 1997 (2. Band, Lieferung 8) erfolgt der Satz der Berliner Lieferungen für den Druck in der Arbeitsstelle selbst.

Schließlich soll auch die Publikationsform des Deutschen Wörterbuches in absehbarer Zeit an die heutigen Möglichkeiten angepaßt werden; so wie die Erstausgabe komplett im Internet nutzbar ist, wird voraussichtlich auch die Neubearbeitung digitalisiert und - zusätzlich zur Printausgabe - dort zur Verfügung gestellt werden.

Da nur ein Teil der im Archiv nachweisbaren Lemmata bei der Darstellung im Wörterbuch berücksichtigt werden kann, hat die Berliner Arbeitsstelle mit der ergänzenden Internetpublikation ihrer Lemmalisten begonnen, in denen Beleganzahl sowie früheste und jüngste Bezeugung der Lemmata im Archiv festgehalten sind. Zur Zeit ist der Abschnitt auffassen - Ausbildung im Wörterbuchportal recherchierbar. Der Umfang der abfragbaren Strecke wird kontinuierlich erweitert. Für den Berliner Teil A - C liegt die Zahl der Lemmata im Archiv bei deutlich über 100.000, im Archiv in Göttingen sind ca. 60.000 Worteinheiten im Buchstabenbereich D - F vertreten.

Die Belegzettel des Berliner DWB-Archivs selbst werden in naher Zukunft im Rahmen des Haager Abkommens zum Schutz von Kulturgut sicherheitsverfilmt werden. Auch die daraus resultierenden Daten sollen für das Internet aufbereitet werden, um das Berliner Archiv des Deutschen Wörterbuches als allgemein nutzbare Grundlage der deutschen Wortforschung zugänglich zu machen.