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  Update: 24.10.2008
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Goethe-Wörterbuch
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Artikelstruktur und Artikelerarbeitung


Aufgabe der Artikel im GWB ist es, die Tiefenstruktur von Goethes Wortverwendung an eine benutzerfreundliche Oberfläche zu bringen. Im Zentrum der Mikrostruktur steht die (nach Möglichkeit) hierarchische Strukturierung des Bedeutungsprofils, so daß es, dem jeweiligen Grad der Polysemie entsprechend, fast zu jedem Lemma ein (über- und unterordnendes) Gerüst von mehreren Bedeutungsangaben darzustellen gibt. Die zu jeder unterschiedenen und definierten Bedeutung zitierten Beispiel-Belege sorgen dafür, daß die Bedeutungsstruktur, das Gerüst der "Leitbemerkungen", nicht nur Schattenriß bleibt.

Leitbemerkungen, wie man in Wolfgang Schadewaldts 'Einführung' in das Goethe-Wörterbuch von 1966 nachlesen kann, sind die semantischen Kommentare zu den unterschiedenen Beleggruppen deshalb genannt worden, um hervorzuheben, daß sie nur "in die Bedeutungsrichtung weisen", respektive 'leiten' sollen und damit weniger "determinierend" sein als die lexikonüblichen Umschreibungen bzw. Definitionen. Das allerdings hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten - insbesondere wegen Straffungsauflagen von seiten der verantwortlich zeichnenden Akademien - so weit verschoben, daß im Goethe-Wörterbuch heute allgemein gebräuchliche, wörterbuchtypische Bedeutungsangaben vorherrschen, jedoch mit der ein Autorenwörterbuch auszeichnenden Besonderheit, Individualsprachliches niemals als quantité négligeable abzutun, sondern auch dem singulären, rein okkasionellen Vorkommen spezielle Aufmerksamkeit zu widmen.

Bei der Konstitution und Abfolge der Bedeutungspunkte macht das Goethe-Wörterbuch ebenfalls von logischen, distributionellen und frequenzmäßigen Gesichtspunkten Gebrauch. Insofern wäre es - abgesehen von logischen Kriterien wie Bedeutungsverengung, Bedeutungserweiterung oder auch Bedeutungsübertragung - nicht ganz korrekt zu behaupten, daß es ausschließlich "Bedeutungen "sind, nach denen ein Wortartikel im GWb gegliedert wird. Darüber hinaus kann sich die Formulierung und Abfolge von Leitbemerkungen gelegentlich sogar auf etymologische oder chronologische Aspekte stützen, indem z.B. Goethes Anknüpfung an einen wortgeschichtlich früheren Gebrauch an den Artikelanfang gestellt wird, desgleichen eine Wortverwendung, die nur (oder zumindest vorwiegend) beim jungen Goethe vorkommt. Ein sieben Jahrzehnte umfassender Datenraum fordert auch von einem typgemäß synchronischen Wörterbuch ein gewisses Maß an Flexibilität.

Entsprechend der hochgradigen Polysemie in Goethes Wortgebrauch - die das Goethe-Wörterbuch erst so notwendig wie interessant macht! - wird also im Normalfall hierarchisch gegliedert, wobei die Gliederungsebenen nicht stets und ausschließlich rein semantische Ebenen sind. So gibt es Gruppierungen oberhalb der Ebene der Einzelbedeutungen, die primär als technische oder auch pragmatische Zusammenfassungen fungieren, mithin eher Überschriftcharakter haben für eine semantisch heterogene Versammlung von Einzelbedeutungen. Daß derartige grammatische, syntaktische, syntagmatische, distributive, kontextuelle etc. Angaben durchaus semantische Relevanz haben können, ist gerade für ein Autorenwörterbuch mit seinem Augenmerk für individuelle Vorlieben unbestreitbar, ebenso wie die heuristische Praktikabilität entsprechend korrelierter Überschriften für den Benutzer, mithin also das, was man heutzutage 'intuitive Benutzerführung' nennt. Als Beispiel für eine solche kategoriale Rahmengliederung, deren Hauptpunkte nicht nur distinkt, sondern strikt disjunkt sind, möge der Artikel 'geben' dienen, mit A: transitiv, B: reflexiv und C: unpersönlich. - Unterhalb der Ebene eigenständiger Bedeutungen erfolgen weitere Differenzierungen, wobei kontextuelle Aspekte, Nuancierungen, Wertungen, bildlicher und übertragener Gebrauch, rollensprachliche oder ironische Distanzierung, Anlehnung an Terminologien oder Jargons - etwa der Kantianer oder der Empfindsamen - als Kriterien bestimmend sein können.

Wie nun wird, in hierarchisch gegliederten Leitbemerkungen, die Bedeutung auf den Begriff gebracht, wie stellt der Bearbeiter fest, welche Bedeutungen ein Wort bei Goethe hat? Zunächst muß der Bearbeiter/die Bearbeiterin ausmitteln, um welches Wort er/sie sich überhaupt zu kümmern hat. In gemeinsamer Abstimmung werden die mindestens 50.000 Belege pro 'Bearbeitungsstrecke' (= Arbeitszeitraum von 10 Monaten) unter den 17 wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n an den drei Arbeitsstellen verteilt. Jede(r) holt sich seine Belegkärtchen aus dem Archiv und sichtet sie mit Seitenblick auf relevante Sekundärliteratur, zuverlässige Werkkommentare und vor allem einschlägige Nachschlagewerke, allen voran die zeitnahen Enzyklopädien (von Zedler bis Pierer), sowie die speziellen Werkwörterbücher (zum 'Divan', 'Götz' oder 'Werther') und die allgemeinsprachlichen Wörterbücher (Adelung, Campe) der Goethezeit. Immer mal wieder führt auch kein Weg vorbei an einer Handschriftenautopsie in Weimar oder einer Anfrage bei einem der Goethe-Museen. Der allererste Blick jedoch gilt in der Regel dem Grimmschen Deutschen Wörterbuch, zu dem so eine Art Komplementaritätsverhältnis besteht; nicht zu unterschätzen sind aber auch speziellere sprachgeschichtliche Informationsquellen wie das Deutsche Rechtswörterbuch oder Dialektwörterbücher, etwa zur Frankfurter oder Thüringer Mundart. Aus der Sichtung der Belege und der (auch philologischen) Vergewisserung des jeweils dort Gemeinten erwächst nach und nach das Gliederungsschema, der Artikel. Zur lexikographischen Handwerkskunst gehört dann insbesondere die sinnvolle Selektion von Textbelegen, die das in der Leitbemerkung Festgestellte dokumentieren, wenn möglich aber auch noch ein wenig transzendieren sollen, repräsentativ, illustrativ - und unterhaltsam.

Angereichert wird diese Mikrostruktur durch die Vorbemerkung, das System der Wortverweise und die Möglichkeit von Sachhinweisen in nachgestellten Anmerkungen: Die Vorbemerkung verzeichnet Besonderheiten der Schreibung, Lautung, Morphologie u.a. sowie charakteristische Wortverbindungen und informiert über Auffälligkeiten des Vorkommens (Frequenz, Verteilung im Werk etc.). Darüber hinaus kann sie auch inhaltliche Bezüge herstellen und dabei verschiedene Funktionen erfüllen: bestimmte Aspekte des betreffenden Wortes oder Begriffs herausheben, seine Stellung in Goethes Vorstellungs- und Sprachwelt erläutern oder einen übergreifenden historischen, systematischen Zusammenhang herstellen. Nicht selten weist sie ergänzend auf Sachzusammenhänge hin, die am Lemmawort selbst nicht oder nur unzureichend sichtbar werden. Charakteristisch bleibt aber in jedem Fall der unmittelbare Wortbezug, wodurch sich die sprachlexikographische Darstellung grundsätzlich von anderen Handbuch-Informationen unterscheidet. Die Wortverweise geben Aufschluß über Wortbildungszusammenhänge und onomasiologische Bezüge, die in der alphabetischen Makrostruktur des GWb sonst zu kurz kämen. Die Anmerkungen können - über die üblichen punktuellen Sacherläuterungen, Quellenangaben und dergl. hinaus - wesentliche Hintergrundinformationen geben. Insbesondere dienen sie auch dazu, schwierige interpretatorische Entscheidungen zu begründen, die aus dem Beleg selbst und der zugehörigen Leitbemerkung nicht ohne weiteres zu ersehen sind.

Ein aus Autorsicht fertiger Artikel wird zunächst den Kolleginnen und Kollegen in der eigenen Arbeitsstelle zur sogenannten 'Internkritik' vorgelegt; deren Ergebnis, eine revidierte sogenannte 'Redaktionsfassung', wird dann den turnusgemäß zuständigen Kollegen an einer der anderen Arbeitsstellen zugeschickt, zur sogenannten 'Externkritik'. Erst auf der Grundlage dieser zweifachen kritischen Durchsicht, die Regelkonformität, semantische Korrektheit, Übersichtlichkeit und den zulässigen Umfang des jeweiligen Artikels minutiös prüft, entsteht die 'Druckfassung', welche nochmals einer formalen Kontrolle unterzogen wird. Die turnusmäßig in der Redaktionsverantwortung stehende Arbeitsstelle sorgt schließlich dafür, daß nach zehn Monaten genügend Material für vier Bogen Drucklieferung an den Verlag geht.

Den Mitarbeitern obliegt daneben die Pflege und Ergänzung der - in allen Standorten identischen - Belegarchivbestände, die insbesondere durch die umfangreichen Neueditionen der letzten Jahre bedeutend angewachsen sind, außerdem die Betreuung von Gästen mit benachbarten Forschungsinteressen sowie von (schriftlichen) Anfragen, die sich überwiegend auf Zitatverifikation richten. Digitale Korpora, wie die Weimarer Ausgabe auf CD-ROM (Chadwyck-Healey) und andere digital gespeicherte Hilfsmittel (Stichwortband mit Belegstatistik, nach Werkbereichen bzw. Textsorten differenziert, rückläufiges Wortverzeichnis, Synonymen-Datenbank u.a.) werden unterstützend eingesetzt. Die Arbeitsstellen verfügen neben ihren Archiven über spezielle Fachbibliotheken sowie über eine moderne computergestützte Forschungs- und Verarbeitungsmethodik, auch eine SGML-konforme Textauszeichnungssprache, die im Unternehmen selbst entwickelt wurde. Damit wird einer auf den Weg gebrachten vollständigen (Retro-)Digitalisierung des Wörterbuchs zugearbeitet, wobei allerdings die Printversion weiterhin das Primärprodukt bleiben wird.