BBAW HAW
  Update: 24.10.2008
Home Suche Linkliste Übersicht Impressum

Ihr Wort?:


        

Wörterbuchauswahl:
 
WDG (176758) ?
DRW (110321) ?
DWB (296612) ?
2DWB (6904) ?
GWB (926) ?


...
   
ELEXIKO (277962) ?
VIPM (1447) ?


...
   
DWDS-Corpus ?


...
   

Worteinträge insgesamt:
870930
 
Goethe-Wörterbuch
Zurück zum Inhalt
Lexikographische Einordnung und Bedeutung als Autorenwörterbuch

Das allgemeinsprachliche Wörterbuch steht, sowohl synchronisch als Wörterbuch eines jeweiligen Sprachstadiums als auch diachronisch, der Unausschöpflichkeit sprachlicher Äußerungen bzw. einer sich ständig wandelnden und erweiternden Lexik gegenüber. Es beschränkt sich notwendigerweise auf die zentralen Sprachbereiche, das usuelle Kerninventar des Wortschatzes, und erfaßt wesentliche Züge von Sprachsystem und Sprachentwicklung. Das Autorenwörterbuch hingegen greift, indem es das Textkorpus eines einzelnen Autors erfaßt, einerseits enger und andererseits weiter; weiter deshalb, weil es im Rahmen dieses genau begrenzten Lexikbereiches auf eine umfassende Darbietung abzielt, auf die Totalität der lexikalischen Phänomene, wobei es auch periphere Elemente umfaßt, etwa Regionales, Dialektales, Archaisches, Fach- und Sondersprachliches. Nicht zuletzt erschließt das Autorenwörterbuch das Individuelle und spezifisch Dichterische eines Wortschatzes. Das GWb beschränkt sich mithin nicht auf Goethes vermeintliche "Grund- und Wesenswörter", die großkalibrigen Leitbegriffe einer Epoche, wie etwa das Goethe-Handbuch; vielmehr behandelt es, dem Thesaurus-Prinzip verpflichtet, vollständig alles, was zur Sprache dazugehört, bis hin zu den unscheinbarsten Funktionswörtern, Artikeln, Präpositionen und Konjunktionen. Denn nur in dieser Totalität erschließt sich das Funktionieren von Sprache, nur in dieser Totalität erschließt sich die individuelle sprachliche - und damit auch die dichterische - Leistung dieses großen Autors. Am Beispiel eines Einzelnen entfaltet sich die lebendige Sprachwirklichkeit in einer synchronen Zeitebene.

Goethe ist mit seinem gut 90.000 Wörter umfassenden Wortschatz nicht nur der wortmächtigste und der wörterreichste deutsche Autor seiner Zeit, Goethes Sprachwelt wurde auch am besten dokumentiert überliefert. Sein Wortschatz umfaßt zudem sehr weite und verschiedene Bereiche: Ein entsprechendes "ABC" reicht von der Fachterminologie der Anatomie, Botanik, Chemie über Geologie, Mineralogie, Optik bis zu Verwaltungswissenschaft, Zivilrecht und Zoologie. Entscheidend für die aufwendige lexikalische Bearbeitung der Goethesprache ist, daß sie nicht nur Idiolekt eines einzigartig sprachmächtigen Autors ist, sondern gleichzeitig in hohem Maße die allgemeine Zeitsprache des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts repräsentiert, in die sie mitvollziehend, vor allem aber selbst aktiv mitgestaltend, verwoben ist: vom Zeitalter des ausgehenden Barock, der Aufklärung, des Sturm und Drang über Klassik/Romantik bis zum Biedermeier, vom Ancien régime über Französische Revolution und Befreiungskriege bis zur Restauration und weiter ins heraufziehende Industrie- und moderne Medienzeitalter. Diese Epoche gilt nicht zuletzt wegen Goethe als Formationsepoche des neueren Deutsch. Wer mithin unser modernes Deutsch in seiner Herausbildungsphase, in statu nascendi, und zudem in der Weite und Fülle seiner kultursprachlichen Dimension kennenlernen will, der wird an Goethe nicht vorbeikommen.

Das GWb erfaßt und erschließt den gesamten Wortschatz Goethes mit allen heute verfügbaren Textzeugen nach einem dezidiert textlexikographischen Konzept. Im Unterschied zu den allgemeinsprachlichen Wörterbüchern wird im Autorenwörterbuch eine essentielle Textorientiertheit deutlich: die Bedeutungsermittlung und -erklärung erfolgt immer (kon)textbezogen. Seine lexikographische Erklärung begnügt sich nicht mit der Feststellung allgemeiner lexikalischer Bedeutungen, sondern bezieht einfließende Aspekte, Wirkabsichten oder Interessenlagen der Kommunikation mit ein und legt zudem die Verbindungen zum Textganzen und seiner autor-, gattungs-, zeit- oder kulturgeschichtlichen Einbettung offen. Das Wörterbuch erschließt die Wörter und ihre Bedeutungen nicht als Elemente des Sprachsystems, sondern als Elemente von kommunikativen Äußerungen, die durch den konkreten Kontext intentional bestimmt werden. Damit dient es einerseits der Sicherung eines möglichst genauen Textverständnisses des womöglich bedeutendsten Gesamtœuvres deutscher Sprache und erschließt zugleich den Zeitkontext einer für die deutsche Sprachgeschichte, namentlich für die Herausbildung der Literatur- und Standardsprache, eminent wichtigen Periode. Darüber hinaus leistet es vielfältige, z.T. sehr spezielle Sachermittlung auf unterschiedlichsten Gebieten, die sich auch in der Darstellung übergreifender begriffsgeschichtlicher Zusammenhänge niederschlägt. Nicht zuletzt dieser Aspekt ist es, der das GWb für die Fragestellungen und spezifischen Erkenntnisinteressen der heutigen Geistes- und Kulturwissenschaften öffnet, seien sie historischer, soziokultureller, philosophischer, literarischer, ästhetischer, oder aber naturwissenschaft(sgeschicht)licher Art, und es für einen großen Nutzerkreis zu einem grundlegenden Arbeitsinstrument macht.